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„Demokratische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse zu beobachten, begleiten und analysieren ist die wichtigste Funktion der Wahlforschung“

Professor Manfred Güllner (Quelle: forsa) 

 Professor Manfred Güllner (Quelle: forsa)

Wahlforschung wird in der öffentlichen Diskussion in Deutschland meist reduziert auf das, was in den Medien, aber auch von vielen Vertretern der Zunft, „Sonntagsfrage“ genannt wird. Die regelmäßige Ermittlung der Wahlabsicht bei einer Bundestags-, Landtags- oder Kommunalwahl liefert zwar aufschlussreiche Informationen über die Entwicklung der politischen Stimmung der Wahlbürger und damit über die Reaktionen der Menschen auf politische Entscheidungen oder aktuelle Ereignisse – aber das ist nicht die einzige oder gar die wichtigste Aufgabe der Wahlforschung.

Für das Funktionieren einer Demokratie, die sich in Deutschland erst im zweiten Anlauf nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Terrorregimes mühsam etabliert hatte, sind Wahlakte, bei denen sich die Urteile der Bürger über die politischen Akteure bündeln, das zentrale Fundament. Diese demokratischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse der Bürger zu beobachten, zu begleiten und zu analysieren, das ist die eigentliche und wichtigste Funktion der Wahlforschung. Sie gibt Auskunft über das, was die Menschen bewegt, welche Probleme sie ängstigen, wie sie das politische Geschehen verfolgen, welche Meinungen sie zu den verschiedensten politischen Vorhaben haben und wie sie die politischen Akteure wahrnehmen und bewerten.

Allerdings gibt es gegen die Wahlforschung und ihre Erkenntnisse in Deutschland – anders als etwa in angelsächsischen oder skandinavischen Ländern – unverändert viele Vorbehalte. Diese sind – wie vieles andere in Deutschland auch – durch die zwölf Jahre der Nazi-Diktatur bedingt. Die Machtergreifung der Nazis war der Tod der Empirie in Deutschland. Über 300 empirische Sozial- und Politikforscher mussten emigrieren. In Deutschland blieb nur die das diktatorische System stützende „Konsumforschung“ einer GfK. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrten von den vielen Emigranten nur wenige und das auch noch relativ spät im Laufe der 1950er Jahre zurück, als viele Wehrmachtsoffiziere mit der Meinungsforschung schon einen neuen Broterwerb entdeckt hatten. Doch die doppelten Vorbehalte gegen die „jüdische“ und – wegen der sofort einsetzenden empirischen Erhebungen der Briten und Amerikaner über die demokratische Reife der Deutschen – „Besatzungsmacht“-Forschung hatten sich längst verfestigt. Bis heute werden regelmäßig die gleichen Vorbehalte wie seit den Anfängen der Meinungsforschung in Deutschland in den Medien, von einer Reihe von politischen Akteuren, aber auch innerhalb der Zunft der Marktforscher artikuliert und die Bedeutung und Aussagekraft der Wahlforschung relativiert oder gar bestritten.

Diese stereotypen Vorbehalte gegen die Wahlforschung und ihre Verbreitung durch meist unkundige, mäkelnde Wichtigtuer sind ein viel größeres Problem für die Wahlforschung als die hin und wieder diskutierten angeblichen methodischen „Herausforderungen“. An der methodischen Grundlage der Wahlforschung, nämlich der Befragung von Wahlbürgern, muss und wird sich nichts ändern; denn wie sonst will man etwas über die Befindlichkeiten der Menschen erfahren, wenn man sie nicht selbst fragt? Heute verfügbare Datenquellen vielfältiger Art mögen sinnvolle Ergänzungen liefern – aber die Marx’sche Erkenntnis, dass man Menschen befragen muss, wenn man etwas über sie erfahren will, wird auch durch alle neuen Medien nicht außer Kraft gesetzt.

Dabei müssen sich die Befragungsmethoden der Wahlforschung den sich ändernden Kommunikationsgewohnheiten anpassen – allerdings mit der gebotenen Sorgfalt. Heute von manchen Scharlatanen offerierte Online-Befragungen sind möglicherweise für einige spezifische Fragestellungen der Marktforschung geeignet, nicht jedoch für die Wahlforschung, die die Meinungsbildungsprozesse aller Wahlberechtigten mit und ohne Internetzugang erfassen muss.


Professor Manfred Güllner ist Geschäftsführer von forsa - Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH in Berlin.


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