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Arbeitslose: Wie sie denken, leben, konsumieren

"Die" Arbeitslosen gibt es ebenso wenig wie "die" Erwerbstätigen. In einer Typologie bilden sich folgende Profile heraus:
Der "Aktive" lebt nach dem Motto: Ich bin es mir (noch) wert. Er bemüht sich, ist auf der Suche, neugierig, offen, erfinderisch und kämpferisch. Eine typische Aussage dieses Typs lautet: "Es ist viel zu schaffen, ich will doch nicht bis 11 Uhr schlafen und den ganzen Tag Fernsehen gucken."
Der "Zufriedene" hat sich mit seiner Situation abgefunden, er sucht Erholung und Ruhe, hat eine stabile psychische Basis, ist integriert, ausgeglichen und naturverbunden. Er sagt zum Beispiel: "Man muss damit umgehen können, ich habe jetzt schon ein bisschen Erfahrung."
Der "Depressiven" glaubt nicht daran, dass er noch einmal (in der Arbeitswelt) Fuß fassen kann. Er ist instabil, hilflos, hat ein niedriges Selbstwertgefühl, fühlt sich krank. Ein typischer Satz: "Den Job als Verkäuferin beim Bäcker habe ich mir nicht zugetraut."
Zwei weitere Typen, die allerdings weniger häufig vorkommen, sind der "Verdränger" und der "Überlebenskünstler". Der Verdränger lebt realitätsfern und versucht, seine Arbeitslosigkeit zu minimieren; indem er sich Mini-Jobs "erschafft", um sich nicht zu den Arbeitslosen zählen zu müssen. Starke Schuldgefühle und Angst vor Ausgrenzung sind die Gründe für dieses Verhalten.
Der Überlebenskünstler hat aus der Arbeitslosigkeit gelernt, Strategien zu entwickeln, mit denen er "gut (bzw. besser) fahren kann". Er nimmt Netzwerke in Anspruch, ist zum Beispiel einem Verein beigetreten oder hat gar einen anderen - für ihn höheren - Lebenssinn gefunden...
 
Trotz solcher Unterschiede gibt es übergreifende Erkenntnisse zum Konsum- und Ausgabeverhalten dieser Bevölkerungsgruppe. Arbeitslose haben Interessen und Hobbys, für die sie sich ausgabefreudig zeigen; viele von ihnen haben ein starkes Bedürfnis nach Marken und Qualität. Sie sind durchaus engagierte und kritische Konsumenten eines Produkts, Nutzer einer Dienstleistung oder Leser einer Zeitung. Auffällig und besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass kaum ein Arbeitsloser (genauso wie Erwerbstätige!) rational einkauft. Wenn einmal die Arbeitslosigkeit eintritt, entsteht zwar ein Bewusstsein für das reduzierte Einkommen, aber es wird keine "Rasenmäher"-Methode angewandt. Rationell wäre es in der Tat, seinen Konsum überall um 40-50 Prozent zu reduzieren. Stattdessen finden intelligente Trade-Offs, also eine Priorisierung im Konsumverhalten statt. Da gönnt sich jemand jeden Morgen eine Marlboro zum Kaffee, während er tagsüber selbst gedrehte Zigaretten (mit billigem Tabak) raucht. Oder macht beim Nutella keine Abstriche, dafür aber bei der Kleidung. Oder kauft einzelne Fineliner im Schreibwarengeschäft, um seine Gedichte zu schreiben und gibt täglich 5 Euro für Getränke in Cafés aus, lebt aber dafür ansonsten äußerst sparsam. Verzicht und Opulenz stehen also nebeneinander. Besondere Produkte bzw. Marken haben auch bei dieser Zielgruppe einen starken Verwöhn-Charakter. Das gilt für Lebensmittel ebenso wie für Kosmetik. Letztere hat offenbar etwas mit der (körperlichen) Integrität des Selbst zu tun und gibt einem das Gefühl, "trotz allem" ein Mensch zu sein. Auch - oder vielleicht gerade - in der Gruppe der arbeitlosen Konsumenten ist ein Transfer vom Marken- auf den Selbstwert zu beobachten.
 
Informationsbeschaffung hat im Überlebenskampf Priorität. Arbeitslose sind dementsprechend sehr gut informiert. Sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene, durch Medienberichte aller Art, Nachrichtenmagazine, Zeitungen, als auch auf der persönlichen Ebene: Themen, die einen selbst interessieren bzw. betreffen, sei es Gesundheit, Reisen, Sprachen, Sport..., oder auf der Produktebene: Schnäppchenjagd, aber auch einfach nur wissen, was "in" ist, damit man "mithalten" kann. Die Informationsbeschaffung ist Zeitvertreib, Notwendigkeit und Integration zugleich - Wissen ist Macht!
 
Arbeitslose haben ein nicht unerhebliches Netto-Einkommen zur Verfügung, das sie auch ausgeben Die Realität der Einkommenssituation ist sehr komplex und verträgt keine Verallgemeinerungen. Auf keinen Fall diejenige, die besagt, dass Arbeitslose aus Geldmangel sich nichts leisten können. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, etwas dazuzuverdienen, sei es der Mini-Job, die Arbeit als Putzhilfe, die Schwarzarbeit, Home-Vertrieb, etc. Zudem werden Arbeitslose oft von der Familie oder Freunden unterstützt. Die Einkommenssituation ist also schwankend, und die Ausgaben sind entsprechend zyklisch. Arbeitslose besuchen fast ausnahmslos die gleichen Geschäfte wie Erwerbstätige und kaufen dort häufig ein Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Würde nicht der rational handelnde, arbeitslos gewordene Mensch nur noch in Discount-Geschäften einkaufen? Oder Einkaufsstätten generell so weit wie möglich meiden, um sich der permanenten Verführungsgefahr nicht immer wieder auszusetzen? Vielen ist es sehr wichtig, "nach draußen" zu kommen, den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen. Das Zuhause übernimmt zwar die Funktion der vertrauten Ordnung, dagegen gibt die Außenwelt mit ihren Geschäften einem das Gefühl, man gehöre dazu; sie bietet Alltag, sie bietet Normalität.
 
Anhand des Konsumverhaltens wird eines ganz offensichtlich: Den Arbeitslosen ist es sehr wichtig, den gesellschaftlichen Anschluß zu (be)halten. Die Absicht der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe sendet von daher für die Betroffenen ein kritisches Signal aus: Für die meisten wird dies als Ausschluss bzw. Ausgrenzung erlebt. Damit verändert sich das Bewußtsein von "Anspruch haben" (ich habe eingezahlt) hin zum negativ belegten "Betteln" (man bezahlt mich). Soziologische und psychologische Auswirkungen sind zu erwarten. Eine Zukunftsszenarien: Es gibt immer weniger Arbeit, also kann sie nicht mehr zum zentralen Wert bzw. Lebensziel erklärt werden. Gelderwerb und Berufung können bzw. müssen getrennt voneinander angegangen werden.
Eine traditionelle Ernährerfunktion des Mannes gibt es nicht mehr. Männer wie Frauen sind von der Arbeitslosigkeit betroffen. Die Attribute "männlich" und "weiblich" verlieren weiterhin an Trennschärfe und vermischen sich. Dieses stiftet große Verwirrung.
Ein arbeitsloser Mensch gehört immer mehr zur Normalität. Auf der gesellschaftlich-familiären Ebene wird er weniger stigmatisiert. Auch die Bezeichnungen verändern sich: arbeitslos und erwerbstätig gibt es nicht mehr, dafür unterscheidet man eher zwischen arbeitsreichen und arbeitsfreien Phasen im Verlauf eines Lebens..
Quelle: Séissmo Markt und Forschung; www.seissmo.com

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