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Forscher der Universität Mannheim: Kein dramatischer Anstieg der Jugendkriminalität

Die Ereignisse an der Berliner Rütli-Hauptschule sowie aktuelle Meldungen über Gewalt- und Sex-Videos auf Schüler-Handys erwecken den Eindruck, als seien Jugendliche im Jahr 2006 verroht und kriminell. 
Laut Daten des Bundeskriminalamts (BKA) erhöhte sich die Zahl der Tatverdächtigen zwischen 14 und 17 Jahren in der Zeit von 1993 bis 2004 von knapp 208 000 auf 297 000. Der Anteil dieser Altersgruppe an allen Tatverdächtigen nahm laut BKA-Statistik von 10,1 auf 12,5 Prozent zu. Vor allem bei der Verbreitung pornographischer Schriften scheint es einen gefährlichen Aufwärtstrend zu geben: Hier stieg der Anteil jugendlicher Tatverdächtiger von 1,5 Prozent (19 Fälle im Jahr 1993) auf 7,4 Prozent (437 Fälle im Jahr 2004) an. Diese Liste lässt sich für nahezu jeden Straftatbestand fortführen.
 
"Tatsächlich zeigen diese Zahlen nur, dass es mehr tatverdächtige Jugendliche gibt - aber nicht, ob ihr Anteil an allen Jugendlichen in Deutschland größer geworden ist", so der Jugendforscher Dr. Heinz Reinders von der Universität Mannheim. Denn: im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren deutlich an - um zwanzig Prozent auf knapp 3,9 Millionen.
 
Je mehr Jugendliche es gibt, desto eher lassen sich darunter auch solche finden, die im Verdacht stehen, eine Straftat begangen zu haben. Der korrekte Maßstab, so Erziehungswissenschaftler Reinders, sei demnach nicht der Anteil an den Tatverdächtigen gesamt. Vielmehr müsse der relative Anteil tatverdächtiger Jugendlicher an allen Jugendlichen betrachtet werden. Hieraus ließe sich dann ablesen, ob Jugendkriminalität tatsächlich zunehme. Bei einer solchen Betrachtung ergibt sich dann ein weniger dramatisches Bild. So wurden von allen Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren im Jahr 1993 insgesamt 6,1 Prozent als Tatverdächtige in der BKA-Statistik geführt. Dieser Anteil stieg bis 2004 auf nicht mehr als 7,6 Prozent an. Bezogen auf die Hysterie um Sex-Videos auf Handys relativieren die Zahlen ebenfalls gängige Befürchtungen. 1993 lag der Anteil Jugendlicher, die pornographische Schriften verteilten, bei kaum über null Prozent. Auch elf Jahre später sind es gerade einmal einer von hundert Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren, die einer solchen Tat verdächtigt wurden. Auch was die auf Straßen randalierenden Teenager anbetrifft, fällt der Wandel nicht annähernd so dramatisch aus wie die öffentliche Wahrnehmung suggeriert. 1993 wurden 1,5 Prozent der Jugendlichen der Straßenkriminalität bezichtigt, ein Anteil, der bis 2004 kaum merklich auf 1,7 Prozent anstieg.
 
In einigen Bereichen nimmt die relative Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen sogar über die Zeit ab. Waren es 1993 noch 2,9 Prozent der Jugendlichen, die wegen Diebstahls ohne erschwerenden Grund angezeigt wurden, so sank deren Anteil bis 2004 auf 2,7 Prozent. Über alle Diebstahlsdelikte hinweg ging die Quote von 3,8 Prozent auf 3,3 Prozent zurück.
 
Insgesamt, so die Schlussfolgerung, deuten die Zahlen nicht darauf hin, dass ein dramatischer Anstieg von Jugendkriminalität stattgefunden hat. "Es wäre zudem eine problematische Verallgemeinerung", so Reinders, "von den sieben Prozent, die 2004 als Tatverdächtige in der Statistik aufscheinen, auf eine ganze Jugendgeneration zu schließen." Es sei zu bedenken, ob nicht auch eine über die Zeit zunehmende Sensibilität der Bevölkerung zu einer erhöhten Anzeigebereitschaft geführt habe. Hinzu komme, dass nicht jeder Tatverdächtige als überführter Straftäter angesehen werden könne. "Auch für die Jugend sollte das zentrale Prinzip der Strafrechtsordnung gelten - die Unschuldsvermutung", sagt der Jugendforscher.
Quelle: Universität Mannheim; www.uni-mannheim.de

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