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Freizeit ade? Die neue Zeitnot der Deutschen

Deutschland, wann ist Feierabend? Der Traum vom "kollektiven Freizeitpark" ist endgültig ausgeträumt. Und auch die vielfach prognostizierte "Freizeitgesellschaft" muss auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden. Denn die Arbeitsbelastung der Deutschen nimmt zu, das Geld wird knapp und Zeitnot kehrt in die privaten Haushalte ein. Jeder dritte Bundesbürger hat keine drei Stunden Freizeit zur Verfügung. Und für die Hälfte der Berufstätigen (Frauen: 55 Prozent - Männer: 46 Prozent) fängt der Feierabend frühestens gegen 19.00 Uhr an und ist keine drei Stunden später wieder zu Ende. Manche zeitaufwendigen Feierabendrituale müssen eingeschränkt werden. Die Freizeit wird knapp und nicht nur das Geld. Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich und der Trend zur 40-Stunden-Woche können folgenreich sein: Auf der einen Seite überwiegt die Freude über Beschäftigungs- und Standortgarantien, andererseits wird über Freizeitverluste und wachsende Zeitnot geklagt. Die Jobsicherung ist schließlich nicht umsonst zu haben: Sie kostet ein Stück Privatleben. Andererseits brauchen Arbeitgeber auch Freizeitkonsumenten, die genügend Zeit zum Einkaufen und Essengehen, für Kinobesuche und Wochenendfahrten haben. Konsumlust kann sich unter Zeitdruck kaum entwickeln. Die Verbraucher entwickeln sich zu Zeitsparern.
 
Fast die Hälfte der Arbeiter (45 Prozent), Angestellten und Beamten (je 49 Prozent) haben nach eigener Einschätzung keine drei Stunden freie Zeit pro Tag. Bei den Selbstständigen und Freiberuflern sind es hingegen fast zwei Drittel, die mehr in die berufliche Arbeit eingespannt sind, als dass sie wirklich nach Feierabend in Ruhe entspannen können. Selbstständigkeit bedeutet heute wenig Freizeit, kaum Urlaub und mitunter 70-Stunden-Wochen bis an die Grenze der Selbstausbeutung. Die Wirklichkeit ist völlig anders als der Traum: Selbstständige haben weniger Zeitautonomie und tragen berufliche Probleme auch in die eigene Freizeit hinein. Der subjektive Eindruck entsteht: Für die Freizeit bleibt eigentlich keine Zeit. Unter den Berufstätigen nehmen lediglich die Auszubildenden im Hinblick auf die eigene Zeitfreiheit eine privilegierte Stellung ein. 54 Prozent der Jugendlichen haben täglich sogar mehr als vier Stunden persönliche Freizeit zur Verfügung, in der sie tun und lassen können, was ihnen Spaß und Freude macht. Lediglich die Ruheständler geben an, über noch mehr Zeit in Eigenregie zu verfügen.
 
Für die Zukunft zeichnet sich eine historisch neue Zeitbudget-Entwicklung ab: die Erfüllung obligatorischer Alltagsaufgaben kann mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Erwerbstätigkeit. Die sogenannte Obligationszeit muss dann immer mehr mit Do-it-yourself und Selbermachen (statt bezahlter Handwerksarbeiten) sowie mit der systematischen Pflege von Kontakten und sozialen Beziehungen ausgefüllt werden. Von Zeitwohlstand haben die Menschen früher geträumt; mit Zeitnot wachsen sie jetzt auf. Was bisher nur für die Berufsarbeit galt, wird nun auch von der privaten Lebenszeit gefordert: Produktivität und Nützlichkeit. Und das heißt konkret: Familienfürsorge, Lebensstandardsicherung und Gesundheitserhaltung. Hinter der neuen Sehnsucht nach Zeitwohlstand verbirgt sich der alte Traum vom guten Leben - jenseits von Onlineshopping, Telebanking und Last-Minute-Reisen. Insbesondere Familie und Kindererziehung setzen dem persönlichen Freizeithunger enge Grenzen. Deshalb unterscheiden vor allem Frauen deutlich zwischen Familienfreizeit und persönlicher Freizeit, die sie für sich ganz allein haben wollen und nicht nur mit Partner und Kindern teilen müssen
Quelle: BAT Freizeit-Forschungsinstitut; info@bat.de

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