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„Wahlforschung hat eine Art Schaufensterfunktion“

Richard Hilmer (Quelle: infratest dimap) 

 Richard Hilmer (Quelle: infratest dimap)

Die Wahlforschung ist ein spezielles Gebiet der Markt-, Meinungs- und Sozialforschung, die gerade bei wichtigen Wahlen besonders im Blickpunkt der breiten Öffentlichkeit steht. Ein ausgewiesener Wahlforschungsexperte, der es versteht, auch einem breiten Publikum die Ergebnisse verständlich einzuordnen und zu übermitteln ist Richard Hilmer, Geschäftsführer von infratest dimap, der vom Berufsverband Deutscher Markt- und Sozialforscher als Forscherpersönlichkeit des Jahres 2013 geehrt wurde. Anlässlich der anstehenden großen Wahlereignisse spricht er im p&a Interview über Veränderungen und Herausforderungen in der Wahlforschung und ihre Bedeutung für Gesellschaft und Marktforschung.

Herr Hilmer, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung als Forscherpersönlichkeit des Jahres 2013! Was freut sie an dieser Ehrung am meisten?
Dass sie von Kollegen kommt. Das ist schon eine besondere Wertschätzung, wenn die eigene Arbeit innerhalb der eigenen Branche gewürdigt wird. Und wenn ich mir die illustre Riege der früheren Preisträger ansehe, dann fällt die Freude noch etwas größer aus.

Das Jahr 2013 hält nach einer spannungsgeladenen Wahl in Niedersachsen noch weitere Wahlkrimis bereit. Sie sind bereits seit 1982 in der Demoskopie tätig. Wo sehen Sie aktuell die großen Herausforderungen in der Wahlforschung?
Ein wichtiger Faktor ist sicherlich die sinkende Parteibindung und die zunehmende Volatilität. Menschen treffen immer kurzfristiger ihre Wahlentscheidungen. Das, gepaart mit einer Ungleichzeitigkeit von Brief- und Urnenwahlen, stellt die Wahlforschung vor Herausforderungen. Wähler verhalten sich außerdem zunehmend taktisch und splitten ihre Stimmen, wie wir bei der Wahl in Niedersachsen Anfang des Jahres gesehen haben. Auch der verschärfte Parteienwettbewerb und das Aufkommen neuer Parteien – zwei Beispiele sind die Piraten und nun die Alternative für Deutschland – erschwert die Vorhersagbarkeit von Wahlverhalten, von Wahlergebnissen ganz zu schweigen.
Ein weiterer Faktor, der inzwischen nicht mehr vernachlässigt werden darf, ist die adäquate Erfassung der Bedeutung von Internet und Social Media. Doch gerade hier gilt es für die seriöse Wahlforschung, ihre methodischen Standards in der Konkurrenz zu nicht-repräsentativen (Online-)Erhebungen und Click-Votes zu verdeutlichen, durchzusetzen und sich zu behaupten.

Wie hat sich die Wahlforschung – auch methodisch – in den letzten Jahren verändert?

Wir haben es in der Bevölkerung mit einem steigenden Anteil der „Mobile-Only“-Nutzer zu tun, also Personen, die ausschließlich über ein Mobiltelefon und nicht mehr über einen Festnetzanschluss verfügen. Doch auch diese Menschen und Meinungen müssen wir in unserem Sample erreichen und berücksichtigen. Aus diesem Grund verwenden wir seit Ende Januar 2013 einen Dual-Frame-Ansatz, der sich aus 70 % Festnetz und 30 % Mobile zusammensetzt. Das Ergebnis überzeugt, denn wir konnten eine signifikant verbesserte Sample-Struktur erreichen.
Parallel zu diesen immer komplizierteren Forschungsrahmenbedingungen sind die Erwartungen an Prognosetauglichkeit von Vorwahlerhebungen gewachsen – zum Teil befördert durch die deutlich gestiegene Präzision der 18-Uhr-Prognose auf der Basis von Exit Polls. Die grundlegenden Unterschiede zwischen beiden Verfahren werden jedoch nur unzureichend nachvollzogen.

Was bedeutet das für das Verständnis der Wahlforschungsergebnisse in der Bevölkerung?

Es besteht ein zunehmender Erklärungsbedarf für Möglichkeiten und Grenzen der Wahlforschung. Denn Umfragen werden zunehmend unter dem Gesichtspunkt ihres Nachrichtenwertes betrachtet. Die steigende Komplexität des Prozesses der Wahlentscheidung beim gleichzeitigen Hang zur Verengung auf wenige wahlentscheidende Faktoren – vor allem Personenaspekte – sowie Wahlrechtsreformen mit neuen Verfahren für Sitzberechnungen würden wesentlich tiefgreifendere und umfassendere Einordnungen erfordern.

Welchen Stellenwert nimmt Ihrer Einschätzung nach die Wahlforschung in der Gesellschaft ein?
Wahlforschung hat vielfältige Aufgaben in der Gesellschaft. Für die Medien ist die Funktion eine unterstützende: Die Kontrolle der Politik wird durch Umfrageergebnisse verstärkt und somit eine politische Öffentlichkeit hergestellt und gefördert. Die Politik selbst wird zum Einen mittelbar über diese Medienfunktion, zum Anderen aber auch direkt kontrolliert, indem sie Parteien und Regierungen Feedback liefert, wie ihre Politik ankommt und was warum nicht akzeptiert wird. Die Ergebnisse von Wahlforschung sind somit die Grundlage für die Modifikation der Politik oder der Kommunikation über Politik. Dem Bürger gibt Wahlforschung eine vernehmbare Stimme auch in Zwischenwahlzeiten. Zusammengefasst liefert Wahlforschung also für die Gesellschaft ein „wichtiges Element der Befassung moderner Gesellschaften mit sich selbst“, wie Max Kaase es so schön zu sagen wusste.

Sehen Sie die Wahlforschung in einer Vorreiterrolle auch für vermarktungsorientierte Marktforschungsstudien?
Sicherlich hat Wahlforschung für die Marktforschung eine Art Schaufensterfunktion. Sie erbringt den Leistungsnachweis empirischer Forschung und die optimale Nachvollziehbarkeit für Probanden, wie Umfrageforschung funktioniert. Somit bereitet sie der Marktforschung in gewisser Weise den Weg und steigert die Teilnahmeakzeptanz.

Richard Hilmer, vielen Dank für das Interview!


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