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„Die Wahlforschung muss liefern, was von ihr verlangt wird“.

Holger Geißler (Quelle: YouGov) 

 Holger Geißler (Quelle: YouGov)

Die Wahlforschung kann getrost als die Königsdisziplin der Markt- und Meinungsforschung bezeichnet werden. Keine anderen Studien und Umfragen – abgesehen vielleicht von den Konjuktur-Indizes wie dem Ifo-Index – finden so viel Beachtung in den Medien und der breiten Öffentlichkeit. Und wo sonst kann unmittelbar geprüft werden, ob die Vorhersage passte. Wer wissen möchte, was die Sonntagsfrage im Wahlkampf auslöst, dem sei die Lektüre von Frank Stauss‘ „Höllenritt Wahlkampf“ empfohlen, der für die SPD mehrere Wahlkämpfe als Werber bestritten hat. Man wartet mit Bangen darauf, ob sich die Kampagne auszahlt, die Stimmung umschlägt und der Abstand zur CDU endlich kleiner wird. Die Sonntagsfrage ist für Politiker, Medien und Öffentlichkeit der Seismograph für die politische Stimmung im Land.

Und dann kommt doch wieder so eine Wahl wie in Niedersachsen 2013 oder in Bayern 2008, bei der die versammelte Wahlforschungselite mal eben die CDU oder CSU um 5 Prozentpunkte überschätzt und in Niedersachsen die schon angezählte FDP - statt dem knappen Einzug in den Landtag - fast 10 Prozent der Stimmen holt.

Für abweichende Prognosen gibt es unterschiedlichste Gründe. Es ist selten ein Grund allein, der dazu beiträgt, dass die Sonntagsfrage so stark vom tatsächlichen Wahlausgang abweicht. Das in den USA für Wahlforschung bekannte Gallup-Institut braucht dafür immerhin 17-Seiten Fehleranalyse um zu beschreiben, warum sie Romney deutlich vorne sahen – aber Obama letztlich die Wahl gewann. In Deutschland wird zumeist die große Zahl der bis zum Wahltag noch unentschlossenen Wähler genannt. Da die politischen Lager für viele Wähler immer austauschbarer erscheinen, langfristige politische Präferenzen abnehmen und das Interesse an Politik in der Breite der Bevölkerung sinkt, ist diese Entwicklung wenig überraschend. Dazu kommt die Vielzahl an Parteien: Statt wie in anderen Ländern zwei bis drei relevante Parteien oder Kandidaten, streiten mitunter 8-9 Parteien um den Einzug in den Bundestag. Der Wahlausgang und die möglichen Regierungskoalitionen sind entscheidend davon abhängig, welche Parteien über die 5-Prozent Hürde springen. Und als ob das noch nicht genug Herausforderungen wären, liegt 2013 der Termin der Bayern-Wahl gerade mal eine Woche vor den Termin der Bundestagswahl, was einen Last-Minute-Swing, wie in Niedersachsen, aufgrund kurzfristiger Mobilisierungseffekte höchst wahrscheinlich macht.

Mit diesen Problemen muss die Wahlforschung klar kommen – ganz zu schweigen von den Problemen, mit denen die Marktforschungsbranche ohnehin zu kämpfen hat wie z.B. der sinkenden Teilnahmebereitschaft an telefonischen Umfragen oder der Unter-Repräsentation bestimmter Bevölkerungsschichten in Stichproben. Überraschend ist, dass in Deutschland noch immer an der 1.000er Stichprobe festgehalten wird, wo doch der statistische Unsicherheitsbereich bei einem Anteilswert von 5% schon +/- 1,4% beträgt. Deshalb befragt YouGov z.B. standardmäßig 2.000 Personen für den Insa-Meinungstrend (immer dienstags in der „Bild“) und in den USA wurden für die letzte Prognose der National-Vote im US-Wahlkampf 2012 mehr als 36.000 Interviews durchgeführt.

Aber lamentieren hilft nicht: Möchte die Wahlforschung ihren Stellenwert behalten, so muss sie „abliefern“, was von ihr verlangt wird. Denn es geht um nicht weniger als die Existenzberechtigung der Branche. Fehlten in der Vergangenheit noch andere Möglichkeiten, um politische Stimmungen zu messen, so zeichnen sich mittlerweile Alternativen am Horizont ab: Nate Silver und seine perfekte US-Prognose, Google-Such-Daten, Wahlbörsen oder die Analyse von Social-Media-Daten werden in diesem Zusammenhang genannt. Auch wenn der Beweis für die Überlegenheit der Alternativen noch aussteht: Im Angesicht von Big-Data wäre eine richtige Wahlprognose im September 2013 ein wichtiges Signal für die Markt- und Meinungsforschung.


Holger Geißler ist im Vorstand der YouGov Deutschland AG.


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