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Finanzmarktkrise und die Folgen: Wie reagieren die Deutschen?

Die Krisenbewertung in den Lebenswelten der Deutschen variiert erheblich. Zwar sind bislang weder Panik noch Duldungsstarre zu verzeichnen, aber zwischen Angst, Vorsicht und Trotz öffnet sich ein breites Spektrum an Bewältigungsmustern - und zwischen Politik und Gesellschaft eine Kluft. Das Heidelberger Marktforschungsinstitut Sinus Sociovision bietet eine erste Einschätzung aus soziokultureller Sicht.
 
Zwei Drittel der Menschen misstrauen den neuesten Zahlen der Demoskopen zufolge dem Bankenmarkt. Die Sparkassen verzeichnen erheblichen Zulauf; die in Deutschland ohnehin mäßige Aktienaffinität dürfte weiter sinken. Die Stimmung wird zusätzlich getrübt durch eine flankierende Konjunkturdebatte: Gerät die deutsche Wirtschaft an den Rand einer Rezession? Es ist diese Gemengelage, die die Mitte bedrückt und in der Unterschicht Angst auslöst: Vor den Folgen für die Wirtschaft insgesamt, vor einem möglichen Jobverlust, den vor schrumpfenden Spielräumen, was den eigenen Konsum angeht.
 
Die breite Mitte der Gesellschaft war schon immer eine Gruppe, die auf gesellschaftliches Fair Play, auf Achtsamkeit auch für die Schwachen, auf Chancengerechtigkeit und Balance großen Wert gelegt hat - nicht zuletzt um ihrer Zukunft und der ihrer Kinder willen. Das System der sozialen Marktwirtschaft wird bereits länger seinem Anspruch nicht mehr gerecht. Viele trauern der alten Bundesrepublik bzw. dem rheinischen Kapitalismus nach und werden nun konfrontiert mit dem Eintritt ihrer schlimmsten Befürchtungen.
 
Die Finanzmarktkrise bestätigt die Befürchtungen der gesellschaftlichen Mitte daher auf eklatante Weise. Sie liefert Munition für die innerlichen Vorbehalte dieser Gruppe gegenüber vielen sozioökonomischen Entwicklungen und nährt den Wunsch nach Widerspruch und Alternativen. Insbesondere aber dürften Bunkermentalitäten im Kommen sein: Dass in kurzer Zeit das globale System in Gänze ins Schwanken geraten kann, zementiert Mitte-Haltungen wie "hilf dir selbst, dann hilft dir Gott". Solche Verhaltensmuster, die Konzentration der Mittelschicht auf sich selbst, auf die eigenen Belange, ihr Rückzug auf den unmittelbaren Nahbereich, lagen dieser Gruppe immer schon nahe, erhalten nun aber nochmals einen Schub. Der Wunsch wird stärker, sich wo immer möglich von äußeren Einflüssen freizumachen, die die gesamte Lebensbalance aus den Fugen geraten lassen können, und könnte zur prägenden Mentalität dieser Schicht werden. Dabei gibt die Mitte ihr Empfinden für Gerechtigkeit keineswegs auf. Sie erlebt aber gerade eine weitere herbe Frustration: Nicht nur die moralische Flughöhe und die tatsächliche Handlungsmacht politischer und wirtschaftlicher Akteure sind in einer globalisierten Wirtschaft dürftig, sondern obendrein auch noch deren fachliche Kompetenz. Ersteres wusste man schon länger, letzteres bekommt man gerade vorgeführt.
 
"Mehr Kapitalismus wagen!" So lautet die Antwort von Friedrich Merz, Anwalt und Finanzexperte der CDU, auf die Bankenkrise. Titel und Inhalt seines gleichnamigen, in dieser Woche erschienenen Buches standen zwar schon vor der Krise fest, aber Merz kommentiert das Erscheinungsdatum seines Manifests mit gewohntem Aplomb: Besser geht’s nicht!
 
Ist der Kapitalismus tatsächlich nicht das Problem, sondern die Lösung? Und wer - außer Merz - glaubt das? Die Statements von Politikern suggerieren im Augenblick zumeist das Gegenteil. Den Staatsvertretern ist bei ihren vielen öffentlichen Auftritten dieser Tage ein neues Selbstbewusstsein deutlich anzumerken: Politischer Steuerungsanspruch und nationalstaatliche Regulierung haben gerade wegen Globalisierung und Hyperkomplexität einer vernetzten Weltgesellschaft Konjunktur. Die aktuelle Krise gewährt der politischen Klasse vordergründig Relevanz und Reputationsgewinne. Nehmen die Menschen im Lande dies aber auch so wahr?
 
Im positiven Fall erlebt die politische Klasse in ihrer unverhofften Retter-Rolle einen neuen Frühling. Gelingt es ihnen, mit einem milliardenschweren Rettungspaket die Börsen-Stimmung zu wenden, kann sich das Image-Rad für Politiker drehen und sie zumindest teilweise von ihrem durch zahlreiche Skandale geschaffenen Misskredit befreien.
 
Der Ruf nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung wird lauter werden - aber genauso wird die Erkenntnis wachsen, dass Marktregularien und Gesetze zur Beseitigung von Gerechtigkeitsdefiziten heute nur noch Veranstaltungen mit äußerst beschränkter Haftung sind. Die Menschen in Deutschland werden durch die aktuelle Krise gezwungenermaßen "navigationsfähiger" und in diesem Sinne auch mündiger: Selbstverantwortung steigt im Kurs, ebenso aber auch der Wunsch nach dem Ende populistischer Scheinlösungen und dem Verschwinden eines Führungspersonal, das bei eigenen Fehlern einfach abtaucht.
 
Das Zauberwort der politischen Klasse für die aktuelle Situation, Vertrauensbildung, ist dafür ein Schlüssel, der nicht wirklich passt. Denn es dürfte kein Leichtes werden, den Menschen verständlich zu machen, warum beispielsweise Rating-Agenturen unbehelligt und bar jeder Kontrollinstanz jahrelang den windigsten Finanzprodukten ihre Gütesiegel aufdrücken und damit die Welt um Haaresbreite in den Ruin treiben konnten. Auch das ritualhafte Gerede vom Fehlverhalten einiger Weniger ist bei den faktischen Dimensionen der Krise als Erklärungsansatz wohl unzureichend. Und intellektuelle Soloeinlagen wie die, ob der Kapitalismus nun Problem oder Lösung der Krise sei, gehen am soziokulturellen Gehör von etwa zwei Dritteln der Gesellschaft vorbei. "Über Grundlagen der marktwirtschaftlichen Ordnung diskutieren" möchten gerade mal die Vertreter der kreativen Klasse. Sie haben die große Chance, dabei unter sich zu bleiben. Die Menschen im Lande wird all das zwar beschäftigen, beeinflussen wird es sie aber kaum.
 
Für die Einlösung ihrer Ansprüche werden die Deutschen daher mehr denn je selbst sorgen wollen. Es ist nicht auszuschließen, dass die aktuelle Krise - trotz hoffentlich effektiver Krisenbewältigung - für uns ein Danaer-Geschenk bereithält: Ein soziales Ganzes, das sich in erster Linie unterhalb der Institutionenschwelle weiterentwickelt und modernisiert. Und zwar nicht aus Gründen von Politikverdrossenheit oder Desinteresse, sondern im Sinne individuellen Experimentierens zugunsten von mehr Autonomie, mehr Handlungsfähigkeit, mehr Unabhängigkeit. So paradox es klingen mag: Die aktuelle Finanzkrise ist auch ein gewaltiger Modernisierungsschub in Sachen Individualisierung und Abnabelung von staatszentrierten Traditionen des vorigen Jahrhunderts.
 
Die Autorin, Dr. Friederike Müller-Friemauth, ist Politikwissenschaftlerin und war mehrere Jahre in der Zukunftsforschung der DaimlerChrysler AG in Berlin sowie im strategischen Standortmarketing tätig. Heute leitet sie beim Heidelberger Marktforschungsinstitut Sinus-Sociovision die soziokulturelle Trendforschung und berät zu Marketing- und Segmentierungsfragen.
 
Quelle: Sinus-Sociovision; www.sinus-sociovision.de

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