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Generation Kuschel macht mobil gegen den Krieg

Das Bild der Demonstrationen auf deutschen Straßen gegen den Krieg der USA im Irak wird von Zehntausenden von Jugendlichen bestimmt. Die hohe Bereitschaft junger Menschen zur öffentlichen Empörung ist jedoch nicht Ausdruck einer neuen, politisch-ideologischen Ausrichtung. Sie begründet sich in einer Wandlung der Lebenshaltung, die sich in den letzten Jahren nahezu unmerklich vollzogen hat: Nach der narzisstischen Spaßkultur der 90-er Jahre fühlen die Jugendlichen sich heute haltlos und haben Angst, ihre Zukunft zu gestalten. Sie begegnen dieser Angst mit einem extremen Bindungs- und Harmoniebedürfnis.
 
Auf der Suche nach sozialer Nähe, Wärme und Gemeinsamkeit bilden sie ständig neue und vielschichtige Bindungs-Biotope, die nicht nur den Freundeskreis, sondern auch Kollegen oder Eltern und Familien umfassen können. Die Demonstrationen werden daher als ein übergreifendes Bindungs-Biotop erlebt, das geeint wird durch die kollektive Sehnsucht nach Halt gebender, symbiotischer Nähe in einer überfordernden Welt.
 
Mit ihrem Angriff auf den Irak verletzen die USA die zentralen Werte des gewaltfreien Lebensentwurfes der Generation Kuschel: das Austarieren unterschiedlicher Interessen, Toleranz, soziales Engagement und die Bereitschaft zur Anpassung. Das vereinte und friedliche Aufbegehren gegen den Verrat an ihren Werten stärkt das Selbstbewusstsein einer Generation, die trotz des grassierenden Jugendkultes das Gefühl hat, eigentlich nicht gebraucht zu werden. Die kollektive Mobilisierung hilft den jungen Leuten, Gefühle der Ohnmacht zu überwinden, die sie angesichts fehlender Rebellions- und Oppositionsmöglichkeiten immer wieder erfahren haben.
 
Der psychologische Hintergrund der ausgeprägten Haltsuche in vielschichtigen sozialen Bindungsgeflechten ist eine tief greifende und unbewusste Lebens- und Gestaltungsangst, die vor allem seit dem 11. September 2001 übergreifend das Lebensgefühl der jungen Menschen in Deutschland bestimmt. Angesichts unsicherer Arbeitsplätze und unklarer Zukunftschancen, zerbrechender Familienstrukturen und dem drohenden Kollaps der sozialen Sicherungssysteme wissen die Jugendlichen nicht mehr, auf was sie setzen oder verlassen sollen. Ihre ideelle Haltlosigkeit wird noch dadurch verstärkt, dass alle Lebensziele in der Multi-Optionsgesellschaft beliebig, relativ und gleichgültig erscheinen.
 
Vor diesem kulturellen Hintergrund erscheint das Leben vielen junge Leuten heute bedrohlich, unermesslich und kaum zu bewältigen. Der von der Shell-Studie festgestellte Zukunftsoptimismus der Jugend ist nur vorgeschoben - es ist mehr eine Art Pfeifen im Wald.
 
Quelle: Rheingold; straetling@rheingold-online.de

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