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Startups: Invasion der Smartphone-Agenten

Schnell, günstig, sexy. Die Serie zu den Startups in der Marktforschung in planung&analyse wird mit dem Unternehmen POSpulse fortgesetzt. Das Unternehmen schickt Scouts in den Einzelhandel, um die Situation vor Ort – am sogenannten PoS – zu erfassen und sie den Herstellern zu melden.
Ein Beitrag von Klaus Janke.


Wenn jemand im Supermarkt Fotos von einem Regal mit Fleischkonserven macht, sucht er vielleicht ein originelles Motiv für einen Facebook-Post. Oder er will die Bilder seinem Ehepartner schicken, der dann fernmündlich über den abendlichen Speiseplan entscheidet. Wahrscheinlicher ist aber, dass es sich um einen Mitarbeiter von POSpulse handelt. Das Berliner Unternehmen schickt regelmäßig Shopscouts in ausgesuchte Läden, die sich dort Notizen machen und fotografieren. Sie dokumentieren Produktpräsentationen, Promotion-Platzierungen oder Werbemittel und bewerten die Qualität aus ihrer Sicht.

Bei POSpulse kann jeder mitmachen, der ein Smartphone besitzt: Man lädt die App herunter und meldet sich für einen bestimmten Auftrag an. Pro Laden-Check bekommt man in der Regel 7 bis 9 Euro, die Gesamtspanne reicht je nach Komplexität der Aufgaben von 4 bis 23 Euro. Insgesamt sind rund 40.000 dieser Scouts bei POSpulse registriert. Darunter sind eifrige „Mikrojobber“, die mit den Checks einen relevanten Teil ihres Lebensunterhalts bestreiten. Die Mehrzahl jedoch verdient sich ein kleines Zubrot mit Aufträgen, die sich mit dem persönlichen Einkauf gut verbinden lassen. Tricksen ist dabei nur bedingt möglich: Eine GPS-Ortung prüft, ob man wirklich im Laden war. Darüber hinaus werden die Antworten auf Plausibilität geprüft – wer stereotype oder falsche Angaben macht, wird im internen Scoring heruntergestuft und kann auch ganz ausgeschlossen werden.

Das Berliner Startup 24 Insights, das POSpulse betreibt, will damit eine Lücke in der Marktforschung schließen. Denn Unternehmen haben in der Regel keine Informationen darüber, wie gut ihre Aktionen im Handel umgesetzt werden und wie ihre Produkte dort wirken. Genau diese Transparenz brauchen sie aber, um zu verstehen, warum eine Aktion gut oder schlecht läuft und was man verbessern könnte. „Sehen Sie, was Ihre Kunden sehen“, verspricht POSpulse und liefert die Ergebnisse in Echtzeit an die Kunden aus – diese können über Dashboards verfolgen, was die Scouts antworten und wie die Präsentation vor Ort aussieht. Bislang wird das Angebot unter anderem von Unternehmen wie Beiersdorf, Nestlé, Procter & Gamble und Unilever genutzt. Typisch war Anfang des Jahres ein Projekt von Mars Petcare: Scouts besuchten 2.400 der rund 15.000 Märkte, in denen eine Zweitplatzierungs-Aktion von Whiskas und Pedigree durchgeführt wurde. Sie dokumentierten, was sie im Laden sahen und gaben an, ob die Aktion sie persönlich zu einem Markenwechsel animieren würde.

Das Unternehmen wurde im Jahr 2014 von Dominic Blank gegründet, der auch Geschäftsführer ist. Das Unternehmen 24 Insights, so der Firmenname, hat seinen Sitz in Berlin und beschäftigt zurzeit 30 festangestellte Mitarbeiter. Zu den Investoren des Instore-Marktforschungsunternehmens gehören der Company Builder Etventure, der Hightech-Gründerfonds sowie die Unternehmen Medien Union und Drillisch. Auf der Kundenliste von POSpulse stehen unter anderem Beiersdorf, Dr. Oetker, Storck, Mondelez, Procter & Gamble, Müller Milch, Nestlé und Unilever. Auch Händler wie Metro Group, Rewe und Tegut sind vertreten.

Genau diese Doppelfunktion ist ein wesentliches Element des POSpulse-Systems: Die Scouts beschaffen nicht nur Informationen, sondern schlüpfen auch in die Rolle des potenziellen Kunden, sind also selbst eine Marktforschungs-Quelle. Die große Zahl der registrierten Mitglieder macht es für POSpulse möglich, die Scouts nach den Zielgruppen-Wünschen ihrer Kunden zu segmentieren.

Es bleibt aber nicht bei der Dokumentation des Ist-Zustandes: „Wir liefern nicht nur Analysen, sondern auch umsetzungsfähige Lösungsvorschläge“, betont Dominic Blank, Gründer und Geschäftsführer von 24 Insights. Er will mit seinem Unternehmen „technology-based consulting“ bieten, die Kunden also beim Aufbau von Frage-Designs und der gesamten Projektkonzeption unterstützen. Längst schlägt er mit seinem Team potenziellen Auftraggebern auch eigenständig Projekte vor.

Was für den Kunden auf der Rechnung steht, hängt von der Zahl der zu besuchenden Märkte und der Komplexität des Fragedesigns ab. Nach Blanks Erfahrung liegt die Obergrenze der Befragungsdauer bei 20 Minuten, danach leidet die Qualität. Einen preislichen Anhaltspunkt bietet das „Starter-Paket“: Es beinhaltet 350 Ladenbesuche pro Quartal bei einer Erhebungsdauer von jeweils rund zehn Minuten und kostet 4.500 Euro.

Blank weiß, dass er echte Qualität bieten muss, schließlich ist die Crowdsourcing-Idee nicht neu. Auch Unternehmen wie Streetspotr, Mo’web und Appjobber lassen Privatleute Jobs per Smartphone erledigen. „Die Crowd an sich ist kein USP, jeder kann sie in einer gewissen Zeit aufbauen“, betont der 28-Jährige. „Diese Crowd jedoch aktiv zu halten und als segmentierbare Zielgruppe für Auftraggeber einzusetzen, bedarf Expertise.“ Daher geht er davon aus, „dass es auf dem Markt der Dienstleister mit Fokus auf reinem Crowdsourcing zu einer Konsolidierung kommen wird“.

POSpulse setzt deshalb den siebenstelligen Betrag, den es Anfang des Jahres im Rahmen einer Serie-A-Finanzierungsrunde erhalten hat, unter anderem für die Weiterentwicklung der hauseigenen Marktforschungs- und Analysetechnik ein. Auch die Aufbereitung der bisher ermittelten Daten hat hohe Priorität: „Es ist unser Datenschatz, der uns einzigartig macht“, sagt Blank. „Wir können auf Basis vergangener Analysen umfangreiche Benchmarks zur Bewertung der PoS-Performance liefern.“
Und was sagen die Filialleiter dazu, wenn in ihren Läden fotografiert wird? Die Scouts sind angehalten, sich unauffällig zu verhalten. Sollte das Fotografieren gegen die Hausordnung verstoßen, müssen sie dies natürlich respektieren. Bislang lief laut Blank aber alles glatt: „Wir haben noch keine kritischen Rückmeldungen vom Handel erhalten – ganz im Gegenteil.“ Letztlich sei es ja auch im Interesse beider Parteien, mitzuziehen: „Hersteller und Handel sind gut beraten, bei der Optimierung von PoS-Gestaltung und Produktplatzierungen zu kooperieren.“ Mittlerweile ist POSpulse sogar mit dem Handel ins Geschäft gekommen, Media-Markt, Real, Rewe und Tegut stehen auf der Kundenliste. Bei den Projekten des Handels geht es nicht um einzelne Produkte, sondern meist um den Gesamtauftritt der Märkte und natürlich Wettbewerbsbeobachtung.

Bei Blank und seinen 30 Mitarbeitern herrscht zwei Jahre nach Unternehmensgründung nach wie vor Aufbruchsstimmung: Das Team hat gerade die Räumlichkeiten des Company Builders Etventure verlassen, mit dessen Unterstützung es gestartet ist. Vom neuen Büro im Stadtteil Neukölln aus wird nun die weitere Expansion geplant: Nachdem POSpulse in Deutschland, Österreich und der Schweiz gestartet ist, geht es jetzt nach Italien und Tschechien. In Zukunft hält Blank auch Märkte wie Spanien, Polen und Frankreich für interessant. Bei der Offensive helfen Partnerschaften mit etablierten Marktforschungsunternehmen, aber auch mit PoS-Agenturen wie Combera. Darüber hinaus unterstützt POSpulse das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen EY, ehemals Ernst & Young, im Rahmen von deutschlandweiten Consumer-Research-Projekten im Handel. Da kann ein größeres Büro auf keinen Fall schaden.

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Erschienen in
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